
Eine historische Produktion braucht nicht einfach alte Dinge.
Sie braucht Dinge, die zur dargestellten Zeit, zum Ort, zum Milieu und zur jeweiligen Situation passen.
Das Bild oben zeigt Requisiten, die für die Spielszenen der Universum-History-Dokumentation „Elisabeth – Kaiserin auf der Flucht“ verwendet wurden.
Auf den ersten Blick sind es einfach historische Schreibutensilien: Federhalter, Tintenfass, Schreibmappe, Lineal, Winkelmesser und weitere Gegenstände auf einem Schreibtisch.
Für eine historische Ausstattung reicht es aber nicht, dass solche Dinge „irgendwie alt“ sind.
Wie alt ist ein Gegenstand in der Geschichte?
Wir betrachten historische Gegenstände heute mit dem Wissen, dass sie alt sind. In der dargestellten Zeit waren sie das aber nicht zwangsläufig.
Ein Buch, das 1890 erschienen ist und in einer Geschichte dieses Jahres gerade gekauft wurde, muss das Bild eines neuen Buches vermitteln. Ein Original aus dem Jahr 1890, dem man heute mehr als 130 Jahre Lagerung und Gebrauch deutlich ansieht, wäre zwar zweifellos echt – für diese konkrete Situation aber möglicherweise trotzdem nicht die beste Wahl.
Dasselbe gilt für nahezu jeden anderen Gegenstand.
Ein Schreibtisch kann in der dargestellten Zeit gerade neu angeschafft worden sein oder bereits seit zwei Generationen in der Familie stehen. Ein Tintenfass kann ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand sein oder ein kostbares Geschenk. Ein Möbelstück kann damals hochmodern, altmodisch oder schlicht selbstverständlich gewesen sein.
Der richtige Zustand hängt also nicht davon ab, wie alt ein Gegenstand heute ist, sondern davon, welche Geschichte er bis zum Zeitpunkt der dargestellten Szene bereits hinter sich haben soll.
Kleine Spuren sind dabei im Film oft weit weniger problematisch, als es ein hochauflösendes Standfoto vermuten lässt. Einstellung, Licht und Bewegung verändern die Wahrnehmung – und manches lässt sich bei Bedarf auch kaschieren.
Zur richtigen Zeit gehört auch das richtige Umfeld
Auch das Herstellungsjahr allein sagt noch nicht, ob ein Gegenstand tatsächlich in eine Szene passt.
Bei Möbeln wird das besonders deutlich.
Eine Geschichte, die in den 1920er-Jahren spielt, bedeutet nicht automatisch Bauhaus oder Art déco. Moderne Entwürfe waren damals eben modern – und häufig entsprechend teuer. Viele Menschen lebten selbstverständlich mit Möbeln, die schon Jahre oder Jahrzehnte zuvor angeschafft worden waren.
Das gilt genauso für frühere und spätere Epochen.
Deshalb stellen sich bei historischer Ausstattung immer weitere Fragen:
Wo spielt die Geschichte?
In welchem Land?
In welchem gesellschaftlichen Milieu?
Wer benutzt den Gegenstand?
Was konnte diese Person sich leisten?
War das Objekt dort überhaupt erhältlich oder üblich?
Gerade bei historischen Fahrzeugen kommt dieser Aspekt besonders deutlich zum Tragen.
Ein Auto kann vom Baujahr perfekt in die dargestellte Zeit passen und trotzdem für den Ort der Handlung ungewöhnlich sein. Ein Puch 500 etwa wäre in einer amerikanischen Alltagsszene zumindest erklärungsbedürftig.
Umgekehrt können Fahrzeuge internationaler Hersteller sehr wohl auch fern ihres Ursprungslandes plausibel sein, wenn sie dort verkauft, importiert oder montiert wurden.
Historische Beratung ist keine Suche nach Fehlern
Wenn eine Requisitenanfrage bei uns eintrifft, lautet die erste Frage deshalb nicht einfach:
„Was haben wir aus diesem Jahrzehnt?“
Sondern eher:
„Wann spielt die Szene? Wo? Und bei wem?“
Erst aus diesen Informationen lässt sich beurteilen, welche Gegenstände, Möbel oder Fahrzeuge ein glaubwürdiges Bild ergeben können.
Historische Beratung bedeutet für uns dabei ausdrücklich nicht, auf größtmöglicher Authentizität um jeden Preis zu beharren.
Film ist kein Museum.
Regie und Ausstattung müssen neben historischer Plausibilität viele weitere Dinge berücksichtigen: Bildwirkung, Dramaturgie, Verfügbarkeit, technische Anforderungen und natürlich auch das Budget.
Und manchmal gefällt für eine bestimmte Szene eben genau das Auto, Möbelstück oder Requisit, das historisch nicht die naheliegendste Wahl wäre.
Dann kann das eine ganz bewusste gestalterische Entscheidung sein.
Unsere Aufgabe ist es, auf Zusammenhänge hinzuweisen, Möglichkeiten aufzuzeigen und einzuschätzen, was plausibel wäre.
Es geht nicht darum, Fehler zu suchen.
Sondern Entscheidungshilfen zu geben.
Genau das gehört bei der RETRO-SPECTIV KG zur historischen Beratung für Film- und Medienproduktionen.
